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Valentin Blank, Oktober 2011

Weltpremiere: H9 — Die Kraft der Reduktion

Ein Essay über Beat Haldimanns philosophische Uhr ohne Zeitanzeige

Wieviel Uhr braucht es, damit wir von einer Uhr sprechen? Die Bezeichnung Uhr hat ihre Wurzeln im Mittelniederdeutschen ûr, welches wiederum von der lateinischen hora abgeleitet wurde. Hora bezeichnet die Stunde. Bereits in ihrem Namen wird die Aufgabe der Uhr somit beschrieben: die Messung der Zeit. Wie diese Messung vorgenommen werden soll, ist diesem schlichten Begriff indes nicht zu entnehmen. Die Bezeichnung Uhr ist technologieneutral und fokussiert auf den Zweck. In der Tat wurden unter dem Namen Uhr über die Jahrtausende ganz unterschiedliche Einrichtungen und Geräte gehandelt, welche die Zeit anhand verschiedenster Phänomene massen: Sonnenuhren, Wasseruhren, Kerzen- und Öllampenuhren, sie alle dokumentieren den Lauf der Zeit. So unterschiedlich diese Einrichtungen sein mögen, ihnen allen ist gemein, dass sie diese Dokumentation für uns Menschen zugänglich machen, sei es durch Skalen, sei es durch akustische Signale (beispielsweise einen Glockenschlag).

Was passiert nun, wenn diese Informationsvermittlung entfällt, wenn die Zeit zwar gemessen, aber nicht angezeigt wird? Haben wir es dann immer noch mit einer Uhr zu tun? Und, falls nein, mit was sonst?

Seit einigen Jahren übt diese Grenzregion der Zeitmessung auf Beat Haldimann einen besonderen Reiz aus. Dieser Reiz hat sich in einer Welle nachhaltiger Inspiration niedergeschlagen. Das Ergebnis sind Kreationen, die mit philosophischem Anspruch, spielerisch und doch ernsthaft, diese Grenzregion ausloten und unser Verhältnis zur Uhr und zur Zeit hinterfragen. Beat Haldimann tut dies mit dem ihm eigenen Anspruch an Kunstfertigkeit und Ästhetik.

Im Jahr 2008 präsentierte Haldimann seine H8 einer erstaunten Öffentlichkeit. “Wo sind die Zeiger?” war die Frage, welche Journalisten und Uhrenliebhaber auf der ganzen Welt an Beat Haldimann richteten – manchmal in vorwurfsvollem Ton, manchmal in verklärter Bewunderung. Die Heftigkeit dieser Reaktionen illustriert eindrücklich, wie festgefahren unsere Vorstellung der Uhr, aber auch des Verlaufs der Zeit geworden ist. In unserer Generation der elektronischen Agenden, minutengenauen Fahr- und Flugpläne und des nach Hundertstelsekunden ausgetragenen Sportwettbewerbs ist die relative Zeit, diejenige, die mit unseren individuellen Erlebnissen verknüpft ist und daher zur persönlichen Zeit wird, kein Thema mehr. Der eintönige, minutengleiche Ablauf der Zeit, die lineare Zeit hat unser Dasein in Beschlag genommen. Nonchalant tanzte hier die H8 aus der Reihe und gestattete uns eine Rückbesinnung auf die persönliche Zeit. Und der Verzicht auf die Zeiger hat sich gelohnt, wird doch damit die Bühne ganz und gar dem grosszügigen Tourbillon im Zentrum gewidmet. Zu Recht spricht man daher von der H8 als Skulptur fürs Handgelenk.

Nun gibt es in der Kunst bekanntlich verschiedene Wege, mit denen dem Adressaten eine Botschaft vermittelt werden kann. Anschaulichkeit und Detail sind ein Weg, Reduktion und Vergeistigung sind ein anderer Weg. Letztere Ideale finden sich im Minimalismus vereinigt. So unterschiedlich die Werke der Minimalisten sind, beim Betrachten dieser Werke fällt auf, dass ihre Bedeutsamkeit durch das Weglassen von Erwartetem nicht etwa vermindert wird. Vielmehr setzt diese Reduktion in uns einen Gedankenprozess in Gang, mit welchem wir jenes Erwartete reflexartig hinzuzudenken suchen.

Das Erleben eines minimalistischen Kunstwerks ist daher mit einem eigenen kreativen Aufwand verbunden. Der Lohn für diesen Aufwand erhält die Betrachterin in Form eines personalisierten Genusses, der sich nahtlos in die eigene Erlebniswelt einfügt. Ist dieser Vorgang erst einmal geglückt, bedarf es kaum mehr der Erklärung, weshalb der Bund zwischen einem solchen, auf den ersten Blick anonym und unterkühlt wirkenden Kunstwerk und seinem Betrachter besonders ausgeprägt ist.

Vor mir auf dem Tisch steht die von Beat Haldimann bereitgestellte Holzschatulle. Sie ist geöffnet und mein Blick auf die darin liegende H9 gerichtet. Seit mehr als 25 Jahren beschäftige ich mich in passionierter Weise mit Uhren. Wie viele tausende Modelle, Gestaltungen und Konzepte habe ich schon gesehen? Und doch versetzt mich der Anblick der H9 in ehrfürchtiges Staunen. Vor mir liegt eine Uhr mit Gehäuse und Armband, so wie wir es uns gewohnt sind. Auch ein Glas und eine Aufzugskrone hat sie. Doch das Gehäuse umschliesst nicht ein Zifferblatt, es umrahmt ein schwarzes Nichts.

Mysteriös und einnehmend, die Haldimann H9 mit ihrer schwarzen Kuppel

Mysteriös und einnehmend, die H9 mit ihrer schwarzen Kuppel


Und dieses Nichts ist von geheimnisvoller Anmut: Ein von innen mit schwarzer Farbe bedampftes Saphirglas mit starker Wölbung zieht den Blick in unermessliche Tiefen. Diese schwarze Spiegelkuppel ist vollständig blickdicht. Die vom gewohnten Anblick geprägten Augen suchen vergeblich nach den Zeigern, nach Indexen oder sonst etwas, woran sie sich halten könnten. Im Glas spiegelt sich kreisrund Beats einladende Bibliothek, die Fenster funkeln. Vorsichtig nehme ich die H9 von ihrem samtenen Kissen und schmiege sie um mein Handgelenk. Die Präsenz dieser Uhr ist einnehmend: ein Schwarzes Loch an meinem Arm, das meine Blicke einsaugt.

Haldimann H9, ein schwarzes Loch am Handgelenk

Schwarzes Loch am Handgelenk


Wie ich meinen Arm hin und her wende, um die schwarze Kuppel aus allen erdenklichen Perspektiven zu bewundern, vernehme ich plötzlich eine Melodie.

Sofort werden Erinnerungen wach gerufen: Ich denke zurück an meine erste Begegnung mit der H1 und an auch an die H8. Da ist es wieder, das Singen des Tourbillons! Dieser Gesang scheint mir reiner denn je, eine intime Freude, deren Quell sich unter dem gewölbten Schwarz verbirgt und doch so vertraut wirkt.

Beat Haldimanns H9 am Arm

Ein Nichts an meinem Handgelenk


Mit der H9 hat Beat Haldimann in seinem puristischen Streben einen Endpunkt erreicht. Die H9 hat etwas Finales, ihre einnehmende Präsenz duldet keine Nachfolge. Die H9 ist für die Ewigkeit.


Falls Ihnen dieser Artikel gefallen hat, sei Ihnen meine Erinnerung an den Atelierbesuch bei Beat Haldimann sowie mein Essay über die Haldimann H8 zur Lektüre empfohlen.